Kommentar

Endlose Wartezeiten …

Patienten beklagen, dass sie zu lange auf Facharzttermine warten müssen. Doch der Umgang mit dem Thema lässt Ärztinnen und Ärzte manchmal ratlos zurück. Ein Kommentar von FÄ-Vizevorsitzende Dr. Silke Lüder im Hamburger Ärzteblatt.

Das Thema „Wartezeiten auf Facharzttermine“ erhitzt die Gemüter und hat es als heiß diskutiertes Thema bis in die Sendung „Hart aber fair“ geschafft. Die Folge der angeblich endlosen Wartezeiten soll ja sein, dass die Notfallambulanzen der Kliniken überlaufen. Der neueste insuffiziente politische Vorschlag zur Lösung des Problems kommt aus dem Bundesrat: Auf Antrag des schleswig-holsteinischen Gesundheitsministers Heiner Garg (FDP) wurde dort verhandelt, dass künft¬ig niedergelassene Praxisärzte auch tagsüber während der Sprechstundenzeit überall in den Portalpraxen an Kliniken arbeiten sollen. Wie soll das gehen? Sind wir als freiberuflich tätige Praxisunternehmer plötzlich nicht mehr für unsere eigene Praxis und unsere eigenen Patienten tagsüber zuständig? Absurdistan!

„Terminklau” in drei Akten

Kürzlich hatte ich in meiner eigenen Praxis zu diesem Thema Erlebnisse der besonderen Art. Zunächst erschien kurz nach 8 Uhr eine Patientin, die einen Zettel aus der Klinikambulanz vom Vorabend präsentierte. Sie sei gestern Abend um 21.30 Uhr in die Klinik gefahren, weil sie beim Aussteigen aus dem Bus plötzlich einen Schmerz unter der rechten Ferse verspürt habe. Auf dem ambulanten Klinikbericht war als Diagnose „Fersensporn“ vermerkt. Auf meine entgeisterte Nachfrage, warum sie damit nicht hätte bis zum Morgen warten können, kam die empörte Antwort: „Na, ich wollte doch gleich wissen, was das ist“. Wissen, was das sein könnte – das hat inzwischen bei einigen Patienten in Zeiten des Internets das frühere Ziel „Meine Beschwerden sollen weggehen“ verdrängt.

Später in der Sprechstunde: Besprechung eines kardiologischen Befundberichts aus einer Bergedorfer Praxis. Sehr guter Bericht, die Patientin war wegen intermittierender „Palpitationen“ beim Kardiologen. Die Diagnose: leichte Aortenklappen-Insuffizienz ohne weitere therapeutische Konsequenzen. Außer gelegentlicher Kontrollen. Auch ich besprach den Befund mit meiner Patientin ausführlich. Doch nicht genug: Sie habe sich noch zwei weitere Termine bei Kardiologen in Geesthacht und der Innenstadt geholt. Auf meine Frage, warum das nötig sei, antwortete sie: „Ich wollte schauen, ob man da nicht noch mehr untersuchen kann. Und wenn mir der Kardiologe in Geesthacht nicht zusagt, gehe ich zu der Praxis in der Innenstadt.“

Eine weitere Patientin erschien in der Sprechstunde. Sie war vorher viele Jahre bei einem reinen Naturheilkundearzt in Behandlung und wandert zurzeit ohne Überweisungen von Facharzt zu Facharzt: Sie habe manchmal leichte Atemnotgefühle, jetzt habe sie sich zwei Termine bei zwei
verschiedenen Lungenfachärzten geben lassen. Sie müsse manchmal ins Ausland, weil ihre Mutter krank sei, deshalb wüsste sie nicht, ob sie den ersten Termin wahrnehmen könne, dann würde sie einfach den anderen nehmen.

Ich war platt. Diese Argumente kannte ich noch gar nicht. Mit allen drei Patientinnen hatte ich lebhafte Diskussionen über ihr Vorgehen. Ich glaube nicht, dass sie wirklich verstanden haben, wie ihre missbräuchliche Inanspruchnahme des Gesundheitswesens nach dem Motto „All you can take“ die Wartezeiten in Facharztpraxen verlängert und die Termine für wirklich Kranke klaut. Konsequenzen? Es gibt keine, solange die Gesundheitspolitik wider besseres Wissen zu feige ist, Patienten mit einer sinnvollen, sozial abgefederten Selbstbeteiligung davon abzuhalten, das System durch das eigene unsinnige Verhalten selbst zu zerstören – so wie es zum Beispiel in Sozialstaaten mit staatlichen Gesundheitswesen der Fall ist, man siehe Schweden. Aber eigentlich ist ein direkter Vergleich nicht zulässig, denn in den staatlichen Systemen gibt es ja gar keine niedergelassenen Fachärzte, die man einfach so aufsuchen kann. Dort wartet man auf den Termin bei den wenigen Klinikfachärzten eher sechs Monate, wenn es überhaupt einen gibt. Aber bei uns?

Gutes System wird ausgehebelt

Bei uns versucht man gerade, ein ziemlich gutes System, das nur mit großer persönlicher Verantwortung und Empathie funktioniert, auszuhebeln, indem man die Hausärzte zwingt, Tag und Nacht in Portalpraxen an Kliniken Dienst zu schieben und die KVen in Termindiktatzentren umzuwandeln. Und das alles finanziert mit immer mehr Geld aus dem gedeckelten Topf der Praxisärzte, mit dem Effekt, dass die persönlich erbrachten Arztleistungen immer weniger wert sind. Welche junge Kollegin und welcher junge Kollege möchte gerne nachts in Portalpraxen hocken oder in einem verödeten Dorf, in dem es keine Schule, keinen Supermarkt und keinen Arbeitsplatz für den Partner gibt? So wird unser System gegen die Wand fahren. Das zu verhindern, sollte unser aller gemeinsames Interesse sein. Schließlich werden wir auch alle mal krank.

Dr. Silke Lüder, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Mitglied der Vertreterversammlung KVH und der Delegiertenversammlung Ärztekammer Hamburg

Quelle: Hamburger Ärzteblatt 0 6/0 7|2 0 1 8

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